An unser Publikum


Liebes Publikum,

ES WIRD ZEIT
wieder für Sie zu spielen.

Nun taten wir es auch in der vergangenen Spielzeit 20/21, allerdings nicht so wie vorgesehen. Aus dem Phönixaufstieg aus der Asche, den wir ab Herbst versprochen hatten, wurde nur ein eingeschränkter Kurzflug mit zwei von vier angekündigten Neuinszenierungen. Gleich zu Beginn nahm das Virus uns in seinen Würgegriff, sodass schon die erste Premiere von November auf Februar verschoben werden musste. Und so setzte sich leider die Spielzeit fort. Es blieben am Ende noch zwei Neuinszenierungen auf dem Programm: „Warte nicht auf den Marlboro Mann“ von Olivier Garofallo und die Uraufführung meines Stückes „En ausgetrëppelte Schong“.

Die Arbeiten waren nicht einfach, da die Künstler zu keinem Moment wirklich sicher sein konnten, das Erprobte auch Ihnen, verehrtes Publikum, an den vorgesehen Terminen darbieten zu dürfen. Es quälte uns nicht nur die Sehnsucht nach der Rampe, den Scheinwerfern, den Rollengestaltungen und vor allem unserem Publikum, sondern auch die Ungewissheit über das Verhalten dieses Publikums. Keiner wusste wie die Zeit danach aussehen würde. Ob wir nun schon danach sind, bleibt ja auch noch abzuwarten, aber ein gewaltiges Licht wurde doch bereits am Ende des Tunnels gesichtet.

Und Ihr Verhalten, ihr Zuspruch zum Kaleidoskop-Theater, hat all unser Hoffen erfüllt, ja sogar überstiegen: sozusagen alle Vorstellungen waren ausverkauft, sodass wir „En ausgetrëppelte Schong“ noch zweimal im November als Gastspiel im Ettelbrücker Cape spielen werden.
Jetzt heißt es tief Atem nehmen, aufblicken – auf das Neue, das wir für Sie in der kommenden und hoffentlich nicht mehr lädierten Saison bereithalten möchten. ES WIRD ZEIT, und die ist verändert, was aber nur natürlich ist, da die Zeit zu keiner Zeit je stillstand. Also suchen wir nach einem Theater der ständigen Veränderungen.

Eine räumliche Veränderung haben wir Ihnen für 21/22 anzukündigen: DAS KALEIDOSKOP ZIEHT AB JANUAR UM. Die Gemeinde Bettemburg hat eine neue Spielstätte geschaffen, in Huncheringen, einem Vorort von Bettemburg, sodass nur noch unsere erste Produktion, im Oktober 21 im Schloss stattfinden wird.

Ja, es wird ZEIT… zwei Nobelpreisträger(Innen) haben wir für Sie auf dem Programm: Samuel Beckett und Elfriede Jerlinek. Daneben Georg Büchner und ein Viereinakterprodukt von vier verschiedenen Autoren aus Luxemburg und Portugal in Luxemburger Sprache, im Rahmen von Esch22, europäische Kulturhauptstadt.

In Becketts „GLÜCKLICHE TAGE“ unterhält die alternde Winnie sich mit ihrem nahezu stummem Mann Willie über das Glück und die tief in ihr wohnende Dankbarkeit ob dieses Glückes, inmitten eines untergehenden Ambientes. Ein zur ZEIT treffenderes Stück hätten wir nicht auf den Spielplan nehmen können, als dies bereits Anfang der sechziger Jahre entstandene. „WOYZECK“ ist das erste große Sozialdrama der deutschen Bühnenliteratur. Georg Büchner möchte der Frage auf die Spur kommen, wie weit es einen Menschen bis zum Mord treiben kann. Elfriede Jelinek stellt in „ULRIKE MARIA STUART“ die RAF-Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin in Zusammenhang mit den englischen und schottischen Königinnen Maria Stuart und Elisabeth I. Und am Schluss der Spielzeit stellen sich vier europäische Autoren(Innen) die Frage nach dem Stand der Dinge im jetztigen Europa. „ET GEET ËM ENG GËLLE KOU“. Geht es uns denn wirklich immer noch um dieses „Goldene Kalb“ um das wir alle tanzen wollen?

Also, liebes Publikum, lassen Sie uns das Kaleidoskop wieder ans
Auge rücken und drehen, damit die Bilder sich verändern, ES WIRD ZEIT – auch das Vergnügen Theater wieder für sich in Anspruch zu nehmen. SO VIEL ZEIT MUSS SEIN – denn sie ist wichtig, lebenswichtig, überlebenswichtig.
Wir freuen uns auf Sie im Schloss und im neuen Haus in Huncheringen. Ihr Jean-Paul Maes