Draußen vor der Tür


von Wolfgang Borchert

Hinkend und entkräftet kehrt der Unteroffizier Beckmann aus der Gefangenschaft zurück und findet keinen Halt mehr: Seine Frau lebt mit einem anderen Mann zusammen, sein kleiner Sohn ist tot. Er denkt an Selbstmord und trifft auf „Den Anderen“, die Personifizierung seines zweiten, vernünftigeren, positiv denkenden Ichs und auf ein Mädchen, das ihm wieder auf die Beine helfen will. Doch bald darauf steht ihr vermisst geglaubter Ehemann in der Tür. Dass er im Krieg ein Bein verloren hat, verdankt er einem Einsatzbefehl des Unteroffiziers Beckmann. Der sucht seinen früheren Oberst auf, um ihm die „Verantwortung zurück zu geben“. Der verbohrte Militarist findet dieses Ansinnen lächerlich und empfiehlt, den grauenhaften Albtraumbericht mit Musik im Kabarett vorzutragen. Der aalglatte Kabarettdirektor ist von Beckmanns Chanson vom Offizier mit dem Knochenxylophon beeindruckt, erklärt aber, das Publikum verlange nach Kunst, nicht nach Wahrheit. Der Andere führt Beckmann zum Haus seiner Eltern. Doch Vater und Mutter haben sich nach Kriegsende umgebracht, als sie wegen ihres Antisemitismus zur Rechenschaft gezogen werden sollten. In visionärem Delirium sieht sich der Heimkehrer von denen umgeben, die seinen Tod verursacht haben, und betrachtet sich selbst als Mörder: Der Einbeinige, dessen Leben Beckmann zerstört hat, ist ins Wasser gegangen, in das er ja auch am Anfang gehen wollte. Von seinen Mitmenschen, von „Den Anderen“ und von Gott aufgegeben, weiß der Alleingelassene nicht weiter: „Gibt denn keiner, keiner Antwort???“

Als nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland die Kräfte des Chaos übermächtig waren und das dortige Drama verstummt schien, vernahm man plötzlich und unerwartet seine Stimme wieder in Wolfgang Borcherts „DRAUßEN VOR DER TÜR“, das aus der tiefsten Verzweiflung des in ein sinn- und lieblos gewordenes Leben zurückkehrenden namenlosen Soldaten den neuen, nüchternen, desillusionierten und doch dichterischen Ton der Passion einer wehrlosen Jugend erklingen ließ.
Inzwischen sind 70 Jahre vergangen, einen weiteren Krieg hat es bisher nicht auf unserem hiesigen europäischen Territorium gegeben, die nachgewachsene Generation kann sich die Greuelbilder, die leider ganz und gar nicht aus der heutigen Welt verschwunden sind, nur aus Medienberichten verinnerlichen. Doch die Heim- und Rückkehrer leben dennoch, von den meisten nicht wahr genommen, mitten unter uns. Oder kennen wir zum Beispiel die Schicksale der zu uns Fliehenden, erahnen wir, was Menschen hinter sich gelassen haben, bevor sie auf dem Gebiet der Europäischen Union angekommen sind … Und was erwartet sie hier? Längst nicht immer die wohl vorausgesetzten offenen Arme, sondern sicherlich ihnen (wie Beckmann) völlig verständnislos erscheinende Ablehnung, oder ein oftmals unflätiges Vorzeigen der von uns doch eher glücklich zugefallenen als verdienten Wohlstandserrungenschaften …

Das Leben nach Beckmanns Krieg (welcher es auch immer sein mag) hat sich neu orientiert, ohne ihn, den Schützengrabenkämpfer, der gerade noch mit dem nackten und völlig hoffnungslosem Dasein davongekommen ist. Da tut es gut in seiner Verlassenheit den „Anderen“ zu treffen, der einem, mehr als ein klerikal fehlgeleiteter Gott, Mut zum Leben, jugendlicher Einsaugung der trotz allem erlangten Freiheit, macht.
Die Inszenierung von Jean-Paul Maes soll keineswegs den Anspruch auf eine rührselige, antiquierte 2. Weltkriegserzählung erheben, sondern möchte sich aus heutiger Sicht auf die Suche nach dem „modernen“, jetzt unter uns allgegenwärtigen Beckmann, machen.

Inszenierung: Jean-Paul Maes
Regiemitarbeit: Jean-Marc Turmes
mit : Timo Wagner – Jean-Paul Maes – Raoul Albonetti – Rosalie Maes – Lotti Jungblut
Musik: Al Ginter

Mierscher Kulturhaus

1.10.2015 – 20:00

Presse

Tageblatt – Borchert gerappt

Revue – Die Vielgesichtige

Woxx – Durch die Kriegsbrille

Le Jeudi – Le cri de l’exilé

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